Urbanes Grün für die Stadt der Zukunft - Pilotgebiet Berliner Mitte


In den seit Jahrhunderten wachsenden Metropolen und Städten, wo die „Natur“ für uns Menschen mehr und mehr in die Ferne rückt, werden Gartenkunst und Stadtnatur immer maßgeblichere Bausteine einer lebendigen Stadtkultur sein. Berlin kann hier eine besondere, lange Tradition vorweisen und bezieht einen Großteil seiner Lebensqualität aus den breit über die gesamte Stadtfläche verteilten Grünräumen. Berlin ist grün. – Aber! – Es besteht Handlungsbedarf. Viele Stadtbäume sind geschädigt, wertvolle Freiräume versiegelt, etliche Parks und Stadtplätze sind in einem botanisch eintönigen und ungepflegten Zustand. Ein hoher Nutzungsdruck einhergehend mit unzureichenden Pflegemöglichkeiten verhindert an zentralen, öffentlichen Orten sowohl gestalterisch anspruchsvolle Grünlösungen als auch Konzepte, die für Stadtgestaltung, Klimaschutz, Artenvielfalt und Gesundheit wichtig wären.

Die AG „Grüne Mitte“ der Stiftung Zukunft Berlin möchte hier ein Weiterdenken in der urbanen Pflanzenverwendung anstoßen. Anhand dreier Modellprojekte – symbolhaft in der Berliner Mitte gelegen – wollen wir diese Diskussion auch ganz real begreifbar machen und somit beispielhaft verbesserte Wege für kommunales Handeln aktivieren.

  1. Die Mitte als LEHRGARTEN für modernes Stadtgrün

Mit der Alleebepflanzung des sich entwickelnden Prachtboulevards "Unter den Linden“ begann bereits 1647 in Berlin die gezielte Ausstattung des urbanen Raumes mit Stadtgrün. In der Folge erlebten die Bäume jedoch alle Belastungen und Beschädigungen, die Stadtbäume bis zum heutigen Tage weltweit erleiden und die ihre Lebenszeit deutlich reduzieren. Erst in den letzten Jahren begann die wissenschaftliche Aufarbeitung der Stadtgrünproblematik und es wurden verbesserte Pflanz- und Pflegekonzeptionen entwickelt. Der Bedeutung des Ortes sowie seiner Strahlkraft angemessen, könnten hier in der Stadtmitte exemplarisch solche zukunftsweisenden Konzepte sowohl in der Praxis als auch theoretisch-medial aufgearbeitet und visualisiert werden. Dabei sind nicht nur technologische und ressourcenschonende Verbesserungen in der Pflanzenverwendung gefragt, sondern auch Strategien zur Einbindung der städtischen Gesellschaft insgesamt. Die Nutzung von Pflanzen und Wasser/Regenwasser – historisch und visionär – sowie deren moderne Verwendungsformen, auch als technisches Grün, können als lebende Beispiele präsentiert und erklärt werden (Lehrgartenidee). In der verdichtenden Stadt von heute wird verdeutlicht, wie die gezielte Verwertung des Regenwassers von Dächern und Belagsflächen zur Bewässerung grüner Areale und zur Kühlung der Stadt durch Verdunstung genutzt werden soll. Die Berliner Mitte wird so zu einem Pilotgebiet, nicht nur für das „Weißbuch Stadtgrün“ des Bundesumweltministeriums sondern auch für den „Stadtentwicklungsplan Grün“. Eine Finanzierung über die Städtebauförderung des Bundes oder das Förderprogramm „Zukunft Stadtgrün“ ist inhaltlich naheliegend und anzustreben.

  1. Das Marx-Engels-Forum als WELTGARTEN und Brücke zum Humboldt-Forum und in die Stadt

Die Errichtung des Humboldt-Forums bringt einen zusätzlichen internationalen Akzent in die Stadtmitte und erfordert eine Gestaltung der unmittelbar an das Humboldt-Forum angrenzenden Freiflächen inklusive der anschließenden Spreeufer in besonderer Qualität sowohl aus konzeptionellen Gründen als auch, um die Aufenthaltsqualität für die Millionen erwarteter Besucherinnen und Besucher zu gewährleisten. Offensichtlich lagen solche Überlegungen den bisherigen Planungen noch nicht zu Grunde, während in den letzten Jahren eine differenziertere Umsetzung von einer breiteren Öffentlichkeit eingefordert wird.

Darüber hinaus resultiert diese Forderung nicht zuletzt auch aus der besonderen historischen Bedeutung, der von Peter Joseph Lenné Mitte des 19. Jahrhunderts gestalteten Grün- bzw. Schmuckplatzanlagen und aus den verschiedenen, konzeptionellen Überlegungen folgender Generationen. Vor allem steht die Frage, wie eine moderne Stadt grundsätzlich mit zentralen, hochfrequentierten Freiräumen umgeht, die zugleich identitätsstiftende Gestaltungen und eine die Aufenthaltsqualität steigernde Funktion realisieren soll. Eine behutsame Wiedergewinnung historischer Platzräume und Grünanlagen auf der Spreeinsel könnte dabei anschaulich Gartenkulturgeschichte vermitteln. Aber genauso würden zeitgenössische, grüne Gestaltungsformen Raum für Kunst und Kultur verschiedener Epochen bis hin zur Gegenwart bieten. Auch das Humboldt-Forum selbst muss am und im Gebäude zum Stadtgrün beitragen – noch gibt es keine inhaltliche Klammer zwischen den musealen Konzepten und der grünarmen Außenplanung. Die Vielfalt der Kulturen ist jedenfalls ohne die Vielfalt von Flora und Fauna weder zu erklären, noch zu erfahren. Die geschichtliche Bedeutung des Ortes kann auch dazu genutzt werden, die lange Nutzung von Pflanzen bis heute u.a. zur Ernährungssicherung, in der Forstwirtschaft oder der Medizin auch über Mitteleuropa hinaus deutlich zu machen.

Der Grünraum des Marx-Engels-Forums soll mit seinen Statuen die globalen Bezüge des Humboldt-Forums aufnehmen und durch entsprechende Bepflanzung selbst zum „WELTGARTEN“ werden – und damit zum zentralen Teil des Lehrgartens. In der Nachbarschaft gelegen zum Rathaus, zur Marienkirche, zum Fernsehturm mit seinen Wasserkaskaden und Rosenbeeten sowie zum Nikolaiviertel, würde dieser internationale Stadtgarten zugleich die jeweiligen Architekturen der unterschiedlichen Epochen verknüpfen. Von hier, der Stadtmitte aus, könnte er als DAS Zentrum der Berliner Parklandschaft wirken. Von hier bekommt man Hinweise auf die Vielfalt der Berliner Gartenlandschaft mit ihrer Verteilung über den gesamten Stadtraum etwa vom Botanischen Garten in Dahlem und dem Britzer Garten im Süden bis zum Botanischen Volkspark Blankenfelde im Norden oder den Gärten der Welt in Marzahn, um nur einige zu nennen.

  1. Der Spreekanal mit Fischerinsel als GRÜN-BLAUER VERBINDUNGSRAUM

Im historischen Berlin war die Spree in vieler Hinsicht maßgeblich für die Stadtwerdung und Stadtentwicklung. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde dieser Bezug nach und nach vergessen. Besonders deutlich ist das am Spreekanal zu sehen, dem über Jahrhunderte wichtigsten Wasserarm der Stadt, der heute für die Schifffahrt nicht mehr passierbar ist. Deshalb soll der 1,9 km lange "Spreekanal" zwischen Bodemuseum und Fischerinsel zu einem grün-blauen Verbindungsraum und zu neuer Bedeutung entwickelt werden. Die hier gelegenen Grünräume würden programmatisch gestärkt, besser miteinander verzahnt und das Wasser als die verbindende Lebensader in den Mittelpunkt gerückt werden. Dazu gehören neben der Spree insbesondere der Uferbereich am Humboldt-Forum, der Garten des ehemaligen Staatsratsgebäudes, der heutigen Wirtschaftshochschule ESMT und die Freiflächen der südlich gelegenen Fischerinsel. Angelegte Flachwasserareale dienen der Verbesserung der ökologischen Strukturqualität, zur Reinigung des Wassers und kühlen die Stadt durch hohe Verdunstung besonders effektiv. Die Flussbadinitiative knüpft zudem sinnlich an die Jahrhunderte alte Tradition der Flussbäder an und zeigt damit exemplarisch, welcher städtebauliche Mehrwert durch eine integrierte Entwicklung von Fluss und Stadtraum entstehen kann.

Der Fischerinsel selbst kommt auch eine besondere Stellung zu, da hier gegenwärtig die Chance und Notwendigkeit besteht, mehrere öffentliche und private Entwicklungsprojekte in einem Prozess zusammen zu bringen, der zu einer echten Stärkung und programmatischen Neuformulierung des Stadtgrüns im gesamten Areal führt. Das sind die gegenwärtig geplanten grünen Ausgleichsmaßnahmen aus dem Bauvorhaben Axel Springer Campus, der Ersatzneubau der Wehranlage Mühlendamm mit umfangreicher Uferneugestaltung und neuer Fischaufstiegsanlage, das ist das Neubauprojekt Mühlendamm/Fischerinsel der Wohnungsbaugesellschaft Berlin Mitte.

Was ist das Potenzial der Modellprojekte?

Alle drei Projekte mit ihren verschiedenen Schwerpunkten stehen exemplarisch für zeitgemäße Strategien und Handlungsoptionen einer grünen Freiraumplanung. Sie verbinden Funktionalität und Kultur mit Flora und Fauna. Sie verknüpfen Geschichte und Gegenwart. Sie bieten Begegnungsräume für alle Altersgruppen und Milieus und sie sprechen mit ihren Gestaltungsmöglichkeiten direkt das Herz der Berlinerinnen und Berliner als auch der Gäste von überallher an. Solche Ansätze sollten deshalb selbstverständlicher Teil städtischer Entwicklung sein und wieder deutlicher und qualifizierter in puncto Planung und Pflege in die Haushalte und kommunales Handeln eingebunden werden.

Was wir grundsätzlich für eine urbane Grünplanung fordern:

Die Grünräume der Berliner Stadtmitte sind historisch und zukünftig öffentliche Räume, das heißt sie sind allen gemeinsam zugänglich. Sie müssen gleichzeitig einer Vielzahl unterschiedlicher Ansprüche, einer Vielzahl unterschiedlicher Funktionen und einer Vielzahl unterschiedlicher Gruppen gerecht werden. Bei allen Grünprojekten sollte daher eine möglichst hohe Verdichtung und gegenseitige Verschränkung verschiedener Aspekte erzielt werden. Es braucht zudem eine inhaltliche und/oder stadträumliche Beziehung der einzelnen Grünanlagen untereinander, damit nicht isolierte Einzelprojekte entstehen, sondern sich ein größerer und reicherer Zusammenhang bildet. Das gilt auch für private Räume.

Daraus folgt ein Integrieren und Abwägen verschiedener Aspekte:

Stadtgrün in einer verdichteten Stadt, kann nur sinnvoll realisiert werden, wenn alle Aspekte interdisziplinär und langfristig gedacht und umgesetzt werden. Die vielfältigen Grünnutzungen der Stadt können nur erfüllt werden, wenn Grün in der Stadt auch gedeihen kann – das betrifft Wuchsorte genauso wie Unterhaltung oder sachgerechte Pflege.

  1. Die vielfache Nutzung der Grünräume ist Teil des Spektrums städtischen Lebens – das reicht von Wohnen, Arbeiten, bürgerschaftlichem Engagement, Sport und Spiel, Kultur, Feste, Märkte bis hin zu Erholung, Freizeit und Tourismus. Verdichtung spielt dabei eine zentrale Rolle und muss konstruktiv gelöst werden.

  • Die Ziele zur Erhaltung der biologischen Vielfalt und zum Klimaschutz müssen dabei in Planung, Gestaltung und praktischer Umsetzung selbstverständlich werden.

  • Politik und Verwaltung müssen hier jedoch genauso Verkehr, Erschließung, Infrastruktur, Naturschutz als Daseinsvorsorge für Alle gewährleisten.

  1. Die Anlage und Unterhaltung der Grünräume, nicht zuletzt zur Sicherung der gesellschaftlichen Investitionen, unterliegen besonders hohen und unterschiedlichen Ansprüchen, die es auch gestalterisch in Einklang zu bringen gilt.

  2. Die Öffentlichkeitstauglichkeit und Durchlässigkeit muss für Alle gegeben sein. Einschränkungen der allgemeinen und permanenten Zugänglichkeit wegen Sicherheitsrisiken, Lärm, Verwahrlosung u.ä. sind sensibel abzuwägen und weitestgehend abzuwenden.

  3. Anlieger haben Besuchern gegenüber keine Vorrechte, profitieren natürlich stärker von den Vorzügen und bekommen so Mitverantwortung für die Allen zugänglichen Räume.

  4. „Sondernutzungen“ und Einzelnutzungen, auch temporärer Art (z. B. für Kommerz, Sport, technisches Grün, Kulturveranstaltungen u.a.), setzen ein hohes, allgemeines, öffentliches Interesse voraus.

Mitglieder der AG Grüne Mitte sind:

Hartmut Balder (Beuth Hochschule für Technik Berlin), Uta Belkius (Coop. HUMBOLDT-DSCHUNGEL, Rainer Boldt (AG Mitte der Stiftung Zukunft Berlin), Tim Edler (Flussbad Berlin e.V.), Wolf-Dieter Heilmeyer (AG Mitte der Stiftung Zukunft Berlin), Frank Heise (DIE MITTE e.V.), Rolf Kreibich (AG Mitte der Stiftung Zukunft Berlin), Herbert Lohner (BUND Berlin), Justus Meißner (Stiftung Naturschutz Berlin), Stefan Richter (Stiftung Zukunft Berlin), Lea Rosh (AG Mitte der Stiftung Zukunft Berlin), Bernhard Schneider (AG Mitte der Stiftung Zukunft Berlin), Heinrich Suhr (AG Mitte der Stiftung Zukunft Berlin), Klaus Henning von Krosigk (ehem. Gartenbaudirektor Berlin), Axel Zutz (Hermann Henselmann Stiftung)

#Stadtgruen #ESMT #StiftungZukunft

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