Autonomer Bus Olli - Eine "Frischhaltebox auf vier Rädern"

23.03.2017

 

In Schöneberg gibt es ein neues Spiel, das ziemlich waghalsig anmutet. Am alten Gasometer, wo sich Unternehmen der Verkehrs- und Energiebranche angesiedelt haben, stellen sich Menschen einem Kleinbus in den Weg. Sie wollen herausfinden, ob er rechtzeitig bremst – was stets der Fall ist, wie Andreas Knie vom Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) berichtet. Denn der weiße Mini-Bus namens Olli ist ein autonomes Fahrzeug, das sich mit Hilfe von Sensoren orientiert. „Olli hat noch keinen Unfall gehabt“, sagt Knie stolz. Jetzt zog er eine erste Bilanz des Tests – und kündigte Neues an. von Peter Neumann)

 

Olli sieht aus wie eine Frischhaltebox auf Rädern. Er ist nicht mal vier Meter lang, mehr als acht Fahrgäste haben keinen Platz. Das Produkt des US-amerikanischen Herstellers Local Motors, dessen Karosserie aus Aluminium und Kunststoff besteht, soll sehr niedlich aussehen. Wenn Fahrzeuge ein Kindchenschema wie in der Tierwelt hätten: Olli würde sehr gut hineinpassen.

 
Mehr als 650 Fahrgäste

 

Dabei ist Olli, der von Laser-, Radar- und Computertechnik gesteuert wird, in ernster Mission unterwegs. Als erster autonomer Linienbus Berlins schreibt er Verkehrsgeschichte. Ollis Strecke führt über den Euref-Campus – so heißt das Privatgelände am Schöneberger Gasometer, auf dem mittlerweile mehr als hundert Firmen mit mehr als 2 500 Beschäftigten zu finden sind. Mehr als Tempo 9 ist Olli nicht erlaubt. Die Fahrt ist kostenlos. Der Fahrplan sieht montags bis freitags zwischen 9 und 17 Uhr alle 30 Minuten eine Tour vor – wenn Olli in Berlin weilt und tatsächlich verkehrt.

 

Denn der selbstfahrende weiße Bus aus dem 3-D-Drucker ist ein begehrtes Demonstrationsobjekt und häufig unterwegs. Zuletzt war er auf der CeBIT in Hannover, sagte Knie. „Olli war mehr als anderthalb Monate auf Reisen oder für Updates in der Werkstatt“, so der Chef des InnoZ, an dem unter anderem die Deutsche Bahn (DB), Siemens und T-Systems beteiligt sind. Während der restlichen zwei Monate hat Olli mehr als 650 Fahrgäste befördert, so Knie. „Für einen autonomen Shuttle ist das schon eine ordentliche Zahl.“

 
„Spring vor den Bus“ 

 

In Schöneberg soll erprobt werden, ob in Zukunft ein Teil des Busverkehrs fahrerlos abgewickelt werden könnte – darüber denken auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) derzeit nach. Doch ganz ohne Aufsicht ist Olli nicht unterwegs, immer ist ein geschulter Steward an Bord. Nicht nur aus Sicherheitsgründen, sondern auch, weil derzeit noch nicht die ganze Strecke vollautomatisch zurückgelegt wird. „Rund zwei Drittel fahren wir im automatischen Modus“, erklärte Andreas Knie.

Es ist ein Test – und das zeigt sich auch daran, dass die Technik noch weiter entwickelt wird. „Olli bekommt immer mehr Sensoren“, sagte Knie. „Er kann besser sehen als Menschen – und sogar um die Ecke schauen.“ Auch die Bremsen wurden verbessert. Anfangs wurde Olli abrupt gebremst, wenn seine Sensoren etwas Suspektes entdeckten – was zur Bitte an die Fahrgäste führte, sich gut festzuhalten. Schon Reflektoren, die an Fahrbahnschwellen klebten, konnten einen Sofort-Stopp auslösen. Inzwischen wird der Bus weicher gebremst.

Wachsam und effizient sind die Sensoren geblieben – was die Teilnehmer des neuen Spiels „Spring vor den Bus“ vor Unfällen schützt.

 
Bestellung per Mobiltelefon

 

Ein Ergebnis des Tests, der unter anderem vom Land Berlin gefördert wird, ist für Andreas Knie bereits absehbar. „Ein solcher Shuttle funktioniert“, sagte der Sozialwissenschaftler. Jetzt bereitet das Betreiber-Team vom InnoZ eine Verlängerung von Ollis Fahrstrecke vor. Möglichst bald soll der Bus bis zum S-Bahnhof Schöneberg fahren – auf einem kurzen Abschnitt der stillgelegten Potsdamer Stammbahn, der dafür hergerichtet wird. Auch die zusätzliche Trasse auf der einstigen Bahnbrücke ist Privatgelände, denn auf öffentlichen Straßen dürfen autonome Fahrzeuge ohne Genehmigung nicht fahren. Der Senat ist da sehr restriktiv. Es sei jedoch geplant, dass Olli auch außerhalb des privaten Campus verkehrt. Knie: „Nach wie vor planen wir, die Linie zum Bahnhof Südkreuz zu verlängern.“

Für die Zwischenzeit, wahrscheinlich ab Sommer 2017, planen die Betreiber ein neuartiges Betriebskonzept für Olli. Der Linienbetrieb am Gasometer soll erst einmal enden, der Kleinbus ausschließlich „on demand“ fahren – also auf Abruf. Wer mitfahren will, meldet seinen Wunsch über eine App auf dem Mobiltelefon an. „Es kann sein, dass dann schon ein anderer Fahrgast im Bus sitzt“, so Knie. Fahrpläne sind überflüssig. Ein Computer soll die Wünsche koordinieren und Routen zusammenstellen, das Fahren bleibt kostenlos. Knie: „Dann kann man Olli per App herbeipfeifen“ – auch das hat es noch nicht gegeben.

 

– Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/26265898 ©2017

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