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Vom Mohr zum Magier

10.12.2004

Die Geschichte der berühmten Sarotti-Figur ist auch ein Spiegelbild der deutschen Werbehistorie

 

Die Damen des 18. Jahrhunderts ließen es sich gut gehen - auf der einen Seite ein Verehrer, auf der anderen ein Schokolade servierender Mohr. So zeigt es zumindest eine Meißner Porzellanfigur von 1740. Mehr als 150 Jahre später ließ sich wohl auch der Reklamekünstler Julius Gipkens vom einstigen Flair des Exotischen, Luxuriösen und Verführerischen inspirieren, als er 1918 den Mohren als Werbefigur für die Schokoladenmarke Sarotti schuf. Der voluminöse Turban, die roten Pluderhosen, das bestickte Jäckchen mit wehenden Schößen sowie die reich verzierten Schnabelschuhe sind seitdem ein Markenzeichen. In "Der Sarotti-Mohr" beschreibt die Wirtschaftshistorikerin und Journalistin Rita Gudermann "die bewegte Geschichte einer Werbefigur" - so lautet der Untertitel des Buches.

 

Liebevoll und sehr detailliert verfolgt sie das kleine Kerlchen mit den großen, dunklen Kulleraugen auf Schokoladentafeln, Pralinenschachteln, Werbeplakaten, Emailleschildern und Sammlermarken. Beinahe beiläufig entsteht dabei unter Mitarbeit des Werbetechnikers Bernhard Wulff ein Abriss der deutschen Wirtschafts- und Werbegeschichte.

 

Die Wurzeln des Hauses Sarotti reichen zurück bis ins Jahr 1852, als Heinrich Ludwig Neumann in der Friedrichstraße das Konfiserie-Geschäft "Felix & Sarotti" eröffnet. Felix ist der Vorname seines Sohns. Wie Neumann senior auf Sarotti kommt, ist bis heute ungeklärt.

 

Das Geschäft mit Schokolade floriert. Goldene Zeiten erlebt Sarotti in den 20er-Jahren - nicht zuletzt, weil in Berlin, der Stadt der Reklame, an jeder Ecke der gerade entworfene Mohr leuchtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg meldet sich der Publikumsliebling zurück und begleitet viele Deutsche durch die fetten Jahre des Wirtschaftswunders. Der Mohr und das Unternehmen, das seit 1929 zum Schweizer Nestlé-Konzern gehört, erreichen die Spitze ihres Ruhms. "Stolz, ein Sarottiner zu sein", verkünden etwa die Beschäftigten in den 60ern. Doch damit ist es bald vorbei. In den 70er bis 90er Jahren wirtschafttet der Mohr ab. Die Figur geht unter den vielen Marken des Nestle-Konzerns fast unter. Ein Mohr gilt zudem nicht mehr als zeitgemäß.

 

Erst unter der Ägide des Kölner Schokoladenkonzern Stollwerck, zu dem Sarotti seit 1998 zählt, wird der Mohr wieder neu entdeckt. Im Jahre 2003 startete mit mehr als 20 Mill. Euro die bisher größte Werbeoffensive der Werbefigur. Aus dem schwarzen Mohren wird ein goldener Magier.

Auch die moralisch dunklen Seiten der Sarotti-Figur spart Gudermann nicht aus. Dem "Mohr zur Zeit des Nationalsozialismus" widmet sie ein Kapitel und beschreibt, wie wandlungsfähig Figur und Firma waren. So produzieren seit 1941 Zwangsarbeiter Süßwaren und Nahrungsmittel für die Wehrmacht im Werk in Tempelhof. Der Schöpfer, der zu Ruhm gelangte Gipkens, emigriert 1937 in die USA.

 

Und warum heißt die Mohrenstraße in Berlin-Mitte Mohrenstraße? Angeblich erinnert der Name an den Preußenkönig Friedrich Wilhelm I., der 1717 einen Handelsstützpunkt im heutigen Ghana an die Holländer verkaufte und dafür neben 7200 Dukaten auch zwölf Afrikaner erhielt - die ersten schwarzen Berliner. Diese und andere Anekdoten fesseln den Leser, der fast ungläubig, aber begierig folgt.

 

"Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen" - jener Spruch aus Friedrich Schillers "Verschwörung des Fiesco zu Genua" stimmt beim Sarotti-Mohr nur bedingt. Zwar ist das Kerlchen heute nicht mehr schwarz und trägt kein Tablett, sondern ist golden und jongliert mit Sternen. Doch marschiert es munterer denn je auf den Schachteln und Tafeln der Marke Sarotti.

 

Rita Gudermann, Bernhard Wulff: Der Sarotti-Mohr, Ch. Links Verlag, Berlin 2004, 176 Seiten, 29,95 Euro

 

Quelle: Handelsblatt

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