Neue kulturelle Mitte stärkt ihre Entwicklung


2017 kamen rund 13 Millionen Gäste nach Berlin. Eine Viertelmillion mehr als 2016 spricht für die Attraktivität der Stadt, sagt Burkhard Kieker, Geschäftsführer von visitBerlin. Wir von MITTE bitte! haben mit ihm über die touristische Entwicklung in Berlin und speziell in Mitte gesprochen.

Burkhard Kieker, Geschäftsführer von visitBerlin im Gespräch. Foto: Thomas Kierok

Herr Kieker, warum kommen Touristen nach Berlin?

Berlin bietet einerseits eine einmalige Geschichte, die sich heute noch an vielen Orten, oft mit Gänsehautgefühl, erleben lässt. Andrerseits bietet die Stadt ein unvergleichliches Kulturangebot und den besonderen Berliner Lifestyle, der die Gäste so begeistert. Vereinfacht gesagt: die Kombination aus Adrenalin und Chillout ist es, die Berlin so anziehend macht.

Welches Bild und welche Vorstellungen hat die Welt von Berlin?

Das Bild von unserer Stadt, insbesondere im Ausland, ist überaus positiv. Das war ja jüngst z.B. in der New York Times, der Times oder im Economist zu lesen. Berlin wird als eine dynamische und kreative Stadt gesehen, in der Trends gemacht werden, ob Musik, Mode oder Mobilität, Berlin gilt in vielen Bereichen als Modell der Stadt der Zukunft.

Was machen Paris und London anders/besser?

London, Paris und Berlin sind die Top-3-Destinationen in Europa. Aufgrund ihrer Historie und Strukturen sind sie aber nicht wirklich miteinander vergleichbar. London positioniert sich als Wirtschaftszentrum während Paris eher ein romantisches Image für Freizeitreisende ausstrahlt. Weil jede Stadt einen anderen Charakter hat, lassen sich die Strukturen nicht einfach übertragen. Berlin zeigt sich als moderne Lifestyle-Metropole mit einer unvergleichlichen Dynamik und ständig im Umbruch.

Schloss und Humboldtforum gehören zu den bedeutenden neuen Kulturprojekten in Mitte. Visualisierung: Franco Stella

Wie ist die touristische Entwicklung in Mitte?

Die Statistiken belegen eine sehr positive Tourismusentwicklung: Die Übernachtungen 2017 und die Zahl der Beherbergungsbetriebe sind in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen und auch die Auslastung ist hier am größten. Ich sehe die Entwicklung und die Zukunft als durchaus positiv, da sich gerade eine neue kulturelle Mitte in Berlin formiert. Angefangen vom Pierre-Boulez-Saal, über die Staatsoper bis hin zum Humboldt Forum, der James-Simon-Galerie und zukünftig dem Einheitsdenkmal und dem House of One ist das eine einmalige Kombination, die man europaweit in dieser Vielfalt so nicht finden kann. Und alles auf einem Raum, der sich bequem und fußläufig erreichen lässt.

Mit den von Ihnen genannten Vorhaben entstehen gerade bedeutende Kulturprojekte auf historischem Boden. Was erwarten Sie von der neuen kulturellen Mitte?

Wir spüren das Interesse in den Märkten in denen wir aktiv sind schon jetzt: Gerade das Berliner Schloss wird einen neuen Akzent setzen, weil es nicht nur ein klassischer Platz für Ausstellungen, sondern auch ein Ort der Begegnung der Kulturen wird. Das House of One, das interreligiöses Gebäude am Petriplatz, das unter seinem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen wird, passt perfekt dazu und symbolisiert, was Berlin ausmacht: eine weltoffene Metropole in denen verschiedenste Kulturen und Religionen respektvoll und friedlich zusammenleben.

Was sind die Hotspots in Mitte?

Ganz oben in der auf der Liste stehen das Brandenburger Tor, die Museumsinsel als UNESCO-Weltkulturerbe und der Gendarmenmarkt als einer der schönsten Plätze Europas, aber auch Orte des Gedenkens und der Erinnerung wie das Holocaust Mahnmal oder der Bebelplatz. Natürlich gehören das quirlige und lebendige Leben wie in den Hackeschen Höfen oder auf dem Alexanderplatz mit dem Fernsehturm dazu.

Der Gendarmenmarkt in Berlin-Mitte gehört zu den schönsten Plätzen Europas. Foto: A. Strebe

Vor einigen Jahren waren es die Chinesen, die das Geld in die Stadt brachten. Ist das heute noch so?

Neben den asiatischen Ländern wie China und Südkorea sind es darüber hinaus Besucher aus den arabischen Ländern, die verstärkt nach Berlin kommen. Stark vertreten sind außerdem Gäste aus Russland und der Ukraine, aber nach wie vor auch aus den USA. Nachdem sich in Brasilien die Wirtschaftslage wieder stabilisiert hat, können wir auch hier hohe Zuwachsraten verzeichnen. Die Wachstumschampions sind aktuell Russland, China und Brasilien.

Wofür geben Touristen das meiste Geld aus?

Den größten Anteil an den Ausgaben macht die Beherbergung aus. Beim Shoppen wird viel Geld für Luxus- und Lifestyle-Produkte ausgegeben. Ein Segment, das im Berliner Tourismus zunehmend an Bedeutung gewinnt ist die gute Gastronomie. Im Trend liegt eine ideenreiche Küche aus der Region, kombiniert mit internationalen Einflüssen. Und das zu einem sehr guten Preis-Leistungsverhältnis. Während Berlin früher für Currywurst und Döner stand, entwickelt sich die Stadt zu einem kulinarischen Hotspot Europas. Das haben vermutlich selbst viele Berliner noch nicht einmal realisiert.

Was tut der typische Tourist, wenn er nach Berlin kommt?

Rund 90 Prozent der Gäste besichtigen als Erstes die Sehenswürdigkeiten. Es folgen Museen und Ausstellungen fast gleichauf mit Café- und Restaurantbesuchen.

Welche Touristen kommen nach Berlin: Partytouristen, Musikliebhaber, Kulturinteressierte?

Die meisten Touristen kommen nach Berlin, um Kunst und Kultur und die Sehenswürdigkeiten zu erleben. Die Zahl der Partytouristen liegt deutlich niedriger, fallen den Berlinern aber am meisten auf, da man sie am stärksten hört. Übrigens haben Umfragen ergeben, das 50 Prozent der Gäste in den bekannten Ausgehmeilen wie der Simon-Dach-Straße Berliner aus anderen Stadtteilen sind.

Wie kann man diese Brennpunkte entschärfen? Wie will VisitBerlin weg vom Ruf, dass Berlin Partyhochburg Europas ist?

Diesen Titel halte ich für unangemessen. Natürlich gibt es einzelne Hotspots wie die Simon-Dach-Straße oder die Warschauer Brücke. Die Bezirke und alle Beteiligten haben die Problematik erkannt und sind sich der Tatsache bewusst, dass Lösungen nur im Einklang von Bewohnern und Gästen gefunden werden können. Daran arbeiten wir gemeinsam. Aber ein Patentrezept für alle betroffenen Kieze gibt es nicht. So hat ein Feldversuch mit Pantomime-Künstlern, die laute Touristen beruhigen und auf Rücksichtnahme hinweisen sollen, in einigen Kiezen funktioniert, in anderen nicht. Wir werben für Verständnis auf beiden Seiten und fördern den Dialog. In unseren Broschüren weisen wir mit einem Augenzwinkern darauf hin, Rücksicht auf die Bewohner und das Kiezleben zu nehmen. Von den Verhältnissen in Barcelona oder Prag sind wir weit entfernt. Unsere Strategie ist „Wehret den Anfängen“.

Checkpoint, Brandenburger Tor, Bierbikes… – einzelne Gebiete verkommen zum Disneyland. Wer ist gefordert und was kann man dagegen tun?

Wenn es nach mir ginge, wären die Bierbikes beispielsweise schon längst aus unserem Stadtbild verschwunden. Wir haben auch stark dafür votiert, dass keine Mickey Mouse mehr am Brandenburger Tor steht und die Gäste belästigt. Hier sind in erster Linie die Bezirke gefragt zu handeln.

Wie und wo lassen sich die Touristenströme lenken?

Jeder will natürlich zum Brandenburger Tor. Aber wir haben auch eine hohe Anzahl wiederkehrende Touristen, die wir durch unsere App Going Local mit Insider-Tipps bewusst auf unbekanntere touristische Pfade lenken wollen. Die Angebote reichen von Radtouren in Treptow-Köpenick über die Zitadelle Spandau bis hin zu Schiffstouren in Tegel. Des Weiteren vermarkten wir in unserer Außendarstellung von Berlin auch die Außenbezirke mit und stellen das kulturelle Angebot stark in den Vordergrund. Party-Hotspots werden von uns hingegen schon lange nicht mehr beworben.

Laut Statistik spült der gemeine Tourist weniger Geld in die Kassen als der Kongressteilnehmer. Heißt das im Umkehrschluss, mehr Kongresse nach Berlin zu holen? Wo hat Berlin noch Potenzial dafür?

Kongresse sind ein wichtiges Thema für Berlin – wir heißen nicht umsonst seit 2009 Berlin Tourismus und Kongress GmbH, was die zwei Säulen unserer Arbeit beschreibt. Wir benötigen dringend zusätzliche Kapazitäten, wenn wir weiterhin unter den größten fünf Kongressdestinationen der Welt bleiben wollen. Daher begrüßen wir, dass die Messegesellschaft gerade die neue Halle hub27 baut. Weiterer Bedarf insbesondere für Großkongresse sind darüber hinaus notwendig, um in diesem Markt konkurrenzfähig zu bleiben.

Was bedeutet das in Zahlen?

Erstmals hat der Tagungs- und Kongressmarkt in 2017 mehr als eine Milliarde Euro Nettowertschöpfung generiert. Der Gesamtumsatz der Tagungs- und Kongressbranche betrug insgesamt 2,51 Milliarden Euro. Dabei gaben übernachtende Teilnehmer mit 246 Euro pro Tag deutlich mehr Geld aus als im Jahr zuvor.

Wie sehr schmerzt der nicht-fertig-werdende BER?

Sehr! Es ist eigentlich verwunderlich, dass die touristische Entwicklung Berlins auch ohne den BER so positiv verläuft. Bei den interkontinentalen Verbindungen fehlen uns einfach die Kapazitäten. Als deutsche Hauptstadt haben wir viel zu wenige Langstrecken-Verbindungen. Wir sind aktiv in Gesprächen, um weitere Airlines nach Berlin zu holen.

Welche Auswirkungen der AirBerlin-Pleite sind noch zu spüren?

Auch wenn durch Easyjet, Germanwings und andere Airlines doch relativ kurzfristig reagiert werden konnte, ist eine 30-prozentige Kapazitätsminderung natürlich sofort spürbar – auch heute noch. Glück im Unglück hat für uns die Bahnverbindung von Berlin nach München gebracht, die auf dieser Strecke einiges kompensieren konnte. Berlin hat einen guten Lauf. Doch die Insolvenz von Air Berlin und die unbefriedigende Flughafensituation wirken sich dämpfend aus. Städtetourismus ist nie ein Selbstläufer. Das gilt auch für Berlin. Wir brauchen jetzt die Anstrengung aller Beteiligten.

Die Friedrichstraße ist die längste Shoppingmeile in Mitte. Foto: A. Strebe

Berlin möchte sich als die Top-Drei Destination für Touristen in Europa etablieren. Die geschlossenen Läden am Sonntag sind dafür sehr hinderlich, das sagt Busch-Petersen. Wie sehen Sie das? Ziehen Sie mit dem Einzelhandel für einen verkaufsoffenen Sonntag an einem Strang?

Wir sind eine Weltstadt und sehen das genauso wie der Einzelhandelsverband. Im direkten Wettbewerb mit den Weltmetropolen dürfen Öffnungszeiten am Sonntag kein Diskussionsthema sein. Berlin ist Shopping-Destination und wir werden daher nicht müde, die Notwendigkeit verkaufsoffener Sonntage immer wieder zu betonen.

Herr Kieker, ich bedanke mich für das Interview!

Das Interview führte Anja Strebe.

Zahlen

Die Zahl der Gäste in den Hotels der deutschen Hauptstadt stieg 2017 um 1,8 Prozent auf 12,97 Mio. Die Übernachtungen nahmen um 0,3 Prozent zu und stiegen auf 31,15 Mio. Mit 55,1 Prozent haben die deutschen Gäste nach wie vor den größten Anteil an den Gesamtübernachtungen. Durch den Tagungs- und Kongressmarkt wurden 7,9 Mio. Übernachtungen generiert. Die rund 13 Mio. Berlin-Besucher generieren einen Umsatz von 11,6 Mrd. Euro pro Jahr.

25 Jahre visitBerlin

1993 gründete Berlin eine eigene Tourismus- und Stadtmarketingagentur, heute visitBerlin. Sie steht für ein erfolgreiches Public-Private-Partnership-Modell im Tourismus– und Stadtmarketing. Das Berlin Convention Office von visitBerlin ist seit 2001 im Kongressmarketing für die Stadt aktiv.

#Tourismus #visitBerlin

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