Berlins historische Mitte, Das Zentrum der heutigen Hauptstadt war erstaunlich klein


(von Maritta Adam-Tkalec)

Es gibt Bücher, die möchte man zig Leuten in die Hand drücken, damit sie sie umgehend von vorn bis hinten lesen. Dann handelt es sich um Bücher voller Wissen, das man für dringend verbreitungsbedürftig hält. Das trifft auf den soeben erschienenen Band „Die Mitte Berlins – Geschichte einer Doppelstadt“ von Felix Escher zu. Der famose Berliner Stadthistoriker, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der FU, hat ein Buch für großes Publikum geschrieben, nicht für die Fachwelt: unprätenziös, doch präzise und mit großer Zuneigung zum schwer misshandelten historischen Zentrum unserer Stadt.

Angesichts des erschreckend dürftigen Wissens über diesen Stadtkern, in dem sich 800 Jahre Geschichte bündeln, sollen vor allem Politiker, zumal der kommunalen Ebene, aber auch Initiativen und -tivchen, zur Lektüre gebeten werden. Keine Bange, es strengt nicht an, es ist sogar vergnüglich: Es gibt beeindruckende Bilder und immer wieder Stadtpläne oder erhellende Stichwortkästen. Danach ist man im Bilde und besser gerüstet für Entscheidungen.

Was warum verloren ging

Die historische Mitte Berlins misst einen Kilometer Durchmesser und macht mit 100 Hektar Fläche etwa ein Tausendstel der gesamten Stadtfläche aus. Auf diesem vergleichsweise winzigen Gebiet muss seit etwa 150 Jahren immer alles stattfinden, was sich fortschrittsgläubige Gestalter mit sogenannten Visionen so alles vorstellen: Es muss Transitwege für den wachsenden Verkehr bieten. Es muss Repräsentationsraum sein. Es soll als Gedenk- und Ehrenort für alles Mögliche dienen. Immer wieder wurde für diese Zwecke abgerissen, durchgebrochen, verbreitert, wurden alte Grundrisse unkenntlich gemacht.

Das erschütternde Ergebnis nannte eine Ausstellung des Stadtmuseums „Verlorene Mitte“. Von den um 1840 vorhandenen 1500 Bauten des Stadtkerns sind nur noch zwölf erhalten. Man stelle sich das für Prag vor. Oder auch nur für Tangermünde. Das vorliegende Buch zeichnet nach, was vorhanden war, und was wann warum verloren ging.

Zunächst lernen wir: Berlin war kein Dorf. Es gab keine Vorgänger-siedlung an der Spreefurt, aber vier gut bebaubare Talsandkuppen im Sumpf – slawisch „brlo“. Daraus wurde wahrscheinlich der Name Berlin. Anders als in Spandau gab es hier niemals einen Kiez. Berlin war, ebenso wie die Schwestergründung Cölln, von Anbeginn Stadt. Hier kann eine schöne Kontinuität vermerkt werden: Die Berliner Bürger legten sich bereits vor dem Jahr 1300 ein Rathaus zu – an eben der Stelle, wo auch das heutige noch steht, allen Um- und Neubauten zum Trotz. Etwa 750 Jahre – das verlangt Respekt vor dem Ort, auch für dessen Zukunft.

Derzeit sehen wir eine kärglich gepflegte Brache mit der Perspektive, Aufmarschplatz für Demonstrationen zu werden oder ein Platz zum Kühlen müder Touristenfüße. Die Rede ist von Marienviertel und Neumarkt. Dort finden wir auch böse Kontinuität: Auf dem Neuen Markt hielten 1510 Bürgermeister und elf Schöffen Gericht über 38 Juden, die auf dem Scheiterhaufen landeten; der jüdische Münzmeister Lippold erlitt dort 1573 seine öffentliche Vierteilung. Die heutigen öffentlichen Grundstücksbesitzverhältnisse an dieser Stelle schufen nach 1933 die Nationalsozialisten durch Enteignung der Juden. Der Neue Markt ist verschwunden.

Sehnsucht nach Heilung

Die Marienkirche verlor um 1875 den westlichen Teil ihrer Umbauung, als der brachiale Durchbruch für die Kaiser-Wilhelm-Straße (heute Karl-Liebknecht-Straße) den Weg bahnte von den Linden zu Schönhauser und Prenzlauer Allee. Was dann 70 Jahre später die Bomben an Stadtresten zurückgelassen hatten, machte die DDR-Führung gnadenlos nieder.

So oder so ähnlich verlief das Schicksal fast aller Teile dieses ebenso winzigen wie wertvollen Gebiets. Mit jeder Seite, mit jedem Foto in dem Buch wächst die Trauer, aber auch der Wunsch, es könne manches geheilt werden, nachdem ja nun auch klar ist, dass Punkthochhäuser und Brachen nirgendwo Urbanität zu schaffen vermochten. Gut möglich, dass die Halt- und Wurzellosigkeit dieser Stadt mit dem Verlust ihrer Mitte zu tun hat.

Quelle: Berliner Zeitung

#Stadtentwicklung

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