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Festmahl und Ehrendoktorhut


Am 25. Juni jährt sich Heinrich Seidels Geburtstag zum 175. Mal. Seinen 60. feierte der Schriftsteller mit Hummer und Pückler-Eis -

Es war ein opulentes, mehrgängiges Menu, zu dem Heinrich Seidels Freunde und Verehrer am 13. Dezember 1902 in die Ratsstube des Kaiser-Kellers zu Berlin, Friedrichstraße 178, eingeladen waren. Wie die Speisekarte des freundschaftlichen Festmahls „zur Nachfeier von Dr. Heinrich Seidels 60. Geburtstag“ erzählt, gab es zunächst eine Vorspeise nach Diplomatenart, danach Ochsenschwanzsuppe, Ostender Steinbutt mit holländischer Tunke und Schinken in Burgunder, anschließend Nordland-Hummer sowie Rehrücken mit Sahnetunke und Salat, eingekochte Früchte und zum Abschluss Fürst-Pückler-Gefrorenes.

Eingeladen hatten Dr. Adolf Slaby, Prof. Dr. Stephan Waetzold und Max Krause. Der Ort des freundschaftlichen Festmahls, der Kaiser-Keller in der Berliner Friedrichsstraße, war damals eine erste Adresse in der Reichshauptstadt. Er gehörte zu dem 1894 im Stile des Historismus errichteten Geschäftshaus Friedrichstraße 176 – 179, das auch das Kaiser-Hotel mit 110 Zimmern beherbergte. Zur Zeit von Seidels 60. Geburtstag gehörten Hotel und Restauration unbestritten zu den anziehendsten Adressen für die Berliner und ihre Gäste. Es dürfte ein sehr schöner Abend für den seit 1866 in Berlin lebenden Schriftsteller und Ingenieur gewesen sein.

Bereits an seinem eigentlichen Geburtstag, dem 25. Juni 1902, durfte sich Heinrich Seidel über viele Briefe, Telegramme und Zeitungsbeträge und über zwei besondere Ehrungen aus seiner mecklenburgischen Heimat freuen: Aus Schwerin sandte Großherzog Friedrich Franz IV. die Goldene Medaille für Wissenschaft und Kunst. Aus Rostock schickte die Philosophische Fakultät der Universität an den „Hochgeehrten Herrn“ ihre „wärmsten und herzlichsten Glückwünsche“ und gleichzeitig die Urkunde, „die Sie zum philosophischen Ehrendoktor ernennt.“ Zur Begründung dieser Ehrung hieß es: „In Ihrer Lebensauffassung und Lebensschilderung blickt überall Mecklenburger Art und Heimatliebe durch. Sie haben das heimlich stille Glück auch im Getriebe der Großstadt und der Berufsarbeit festzuhalten gewußt und aus dem Nährboden Ihrer Heimat die Kraft Ihrer Dichtung gewonnen. Sie vertreten unser Mecklenburg in ehrenvoller Weise unter den deutschen Schriftstellern. Darum will auch die Hochschule Ihres engeren Vaterlandes nicht fehlen. Wie dereinst Fritz Reuter so wollen wir heut auch Heinrich Seidel den Unsern nennen.“ Auf Antrag des Germanisten Karl Bartsch war Reuter 1863 ebenfalls die Ehrendoktorwürde verliehen worden.

Heinrich Seidel ließ eigens zum Jubiläum eine besondere Postkarte drucken. Darauf ist ein Porträt von ihm zu sehen – nicht eine Fotografie, sondern ein Gemälde diente dafür als Vorlage. Es stammte von Franz Ludwig Paul Noster (1859-1910), einem damals berühmten Künstler, der vor allem durch seine Porträts von Kaiser Wilhelm II. zu offiziellem Ansehen und 1896 zum Titel „Hofporträtmaler“ gelangt war. Seidel, der mit seinem Maler möglicherweise durch die Vermittlung seines Bruders Paul Seidel bekanntgeworden war, befand sich mit dieser Darstellung also gleichsam in höchsten Kreisen. Sein jüngster Bruder war von 1896 bis 1923 Direktor des Hohenzollernmuseums Berlin und Mitglied des Senats der Preußischen Akademie der Künste.

Auf der Postkarte finden sich auch vier Zeilen aus einem längeren Gedicht von Heinrich Seidel, das dieser schon aus Anlass seines 50. Geburtstages unter dem Titel „Zum 25. Juni 1892“ geschrieben hatte. Sie lauten: „Das muss ein großes Glück ich nennen/Dass Viele, die mich garnicht kennen/So Mann als Weib, so Greis als Kind/Doch meine guten Freunde sind.“

1902 war ein gutes Jahr für den Berliner aus Perlin, der sein Glück allerdings nicht mehr lange genießen konnte. Heinrich Seidel starb 64-jährig am 7. November 1906 in Groß Lichterfelde. Zuletzt hatte er noch unter großen gesundheitlichen Mühen seine heimatverbundene Robinsonade „Reinhard Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande“ zu Ende bringen können. Einen guten Überblick seines literarischen Schaffens bieten die 20 hübschen, grün-goldenen Bände seiner bei dem Leipziger Verleger A.G. Liebeskind erschienenen „Gesammelten Schriften“.

Quelle: SVZ

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