Bahnhöfe: Berlin kann keine Prachtbauten mehr


Berlin - Es ist ein Bahnhof, den viele Berliner nicht mögen. Er sei zu groß, zu unübersichtlich, ein Warenhaus mit Gleisanschluss, sagen sie. Aggressive Geringschätzung ist schon länger die Tonlage, wenn es um den Berliner Hauptbahnhof geht. Michael Cramer, Europa-Abgeordneter der Grünen, sah dort einst eine „Berliner Mischung aus Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex“ am Werk.

Andere sprachen von einem „Monsterbahnhof“, oder sie fühlten sich daran erinnert, dass DDR-Staatschefs ebenfalls einen Hauptbahnhof wollten – weshalb sie den alten Ostbahnhof abreißen ließen, um ihn durch einen kargen, nie vollendeten Neubau, in dem kaum Züge hielten, zu ersetzen.

Seit Jahrzehnten das Beste

Karg ist der neue Hauptbahnhof nicht, aber das Wort„Größenwahn“ ist nicht ganz falsch. Der Architekt, Meinhard von Gerkan aus Hamburg, markierte das Bahnkreuz mit einem gewaltigen Turmbahnhof, der weithin zu sehen ist. Die Ost-West-Überdachung führt durch zwei Hochhäuser und sorgt auf 321 Metern Länge für Wetterschutz, das 210 Meter lange Nord-Süd-Dach weist nach Moabit und ins Regierungsviertel, einem Stadttor gleich.

Es war ein problematisches Projekt. Die Baukosten verdreifachten sich. Als von 1,2 Milliarden Euro gesprochen wurde, gab es kein Dementi der Bahn. Die Entscheidung des damaligen Bahnchefs Hartmut Mehdorn, den Eröffnungstermin zur WM 2006 durch die Kürzung des Ost-West-Dachs zu retten, lässt das Bauwerk wie einen Torso wirken. Mehdorn sorgte auch dafür, dass die unterirdische Hallendecke vereinfacht wurde. Als im Orkan „Kyrill“ 2007 ein 1,35 Tonnen schwerer Stahlriegel aus der Fassade stürzt, hatte der Bahnhof kaum noch Fans.

Viele Bahnhöfe wurden abgerissen

Trotzdem: Er ist seit vielen Jahrzehnten das Beste, was Fahrgästen in Berlin zuteil geworden ist. „Heute hätten wir ihn nicht mehr so gebaut“, raunte ein Bahn-Manager bei der Eröffnung 2006. Er wäre einfacher, beengter, billiger ausgefallen. Der großzügige Umgang mit Raum und Tageslicht, die edlen Materialien, der Wille, die Leere zwischen Invalidenstraße und Spree mit einer Inszenierung zu füllen – all das hätte es wohl nicht gegeben, wenn Mehdorns Leute alles geplant hätten.

Wer über den ungeliebten Torso urteilen will, der darf auch die Geschichte der Berliner Bahnhöfe nicht außer Acht lassen. Es ist eine Geschichte der Verluste – der Verunstaltungen, der Abrisse. Da ist der Anhalter Bahnhof, dessen Halle die höchste und breiteste der Welt war. Er störte die Aufbauträume in West-Berlin, wo sogar das Schloss Charlottenburg auf der Abbruchliste stand.

1960 drehte Billy Wilder dort noch Szenen seiner Kalte-Kriegs-Komödie „Eins, zwei, drei“. Fünf Jahre später war das Bauwerk größtenteils verschwunden. Was würden Museumsdirektoren und Konzertveranstalter heute dafür geben, über so einen Prachtbau verfügen zu dürfen, in dem mehrere zehntausend Menschen Platz hätten!

Noch immer sind Gebäude in Gefahr

Der Lehrter Bahnhof wirkte mit seinem Wellblechdach und der Fake-Natursteinfassade aus verputzten Ziegelformteilen simpler. Auch für dieses Gebäude, das an der Stelle des heutigen Hauptbahnhofs stand, wurde eine Nachnutzung diskutiert. Egal – 1959 wurde der letzte Rest gesprengt. Oder der Görlitzer Bahnhof, der an einen italienischen Palazzo erinnern sollte, mit Türmen und Gesimsen: 1967 war er endgültig aus dem Stadtbild getilgt.

Nicht, dass nach der Wende Schluss war mit Abrissen. Der Lehrter Stadtbahnhof wich dem Hauptbahnhof, der Bahnhof Papestraße dem Südkreuz. Und immer noch sind Gebäude, die an die besten Zeiten der Bahnstadt Berlin erinnern, in Gefahr – wie die Rundlokschuppen in Rummelsburg und Pankow.

Gelungener Spagat

Sicher, es gibt auch Bahnhofsprojekte, bei denen der Spagat zwischen Ökonomie und Architektur gelungen ist. Etwa der Bahnhof Südkreuz von JSK, insbesondere dessen Verteilergeschoss, eine 47 Meter breite und 12,5 Meter hohe Bahnsteighalle. Es atmet dieselbe Großzügigkeit wie beim Hauptbahnhof ohne den Eindruck, dass jeder Quadratzentimeter von Kaufleuten bemessen worden ist. Die Zooterrassen, der frisch sanierte Restaurantvorbau des Bahnhofs Zoo, können sich sehen lassen – auch wenn die Einbauten für das McDonald’s- Restaurant die neu entstandenen liebevollen Details aus den 1950er-Jahren in den Hintergrund drängen.

Aber das sind Ausnahmen. Der Bahnhof von heute – das sind Wartehäuschen wie im Busverkehr oder Blecharchitektur wie die Ringbahnhalle am Ostkreuz, die ebenfalls von JSK entworfen wurde. Sie erinnert an eine Fabrik- oder Lagerhalle.

Und das ist auch wenig verwunderlich, denn das Einfachgebäude, das trotz seiner Größe nur zwölf Millionen Euro gekostet hat, besteht größtenteils aus grauen Profilblechen, wie sie auch im Industriebau eingesetzt werden. Wo einst Berliner Lokalkolorit dominierte, mit gusseisernen Pfeilern, lückigem Kleinpflaster und Holzbänken, ist ein gesichtsloses Bauwerk aus Stahl, Glas und Verbund-Sicherheitsglas entstanden. Ein Allerwelts-Bauwerk.

Grau dominiert. Karger reisen, das ist mit wenigen Ausnahmen die Devise. Das war früher anders.

Quelle: Berliner Zeitung

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