Die Suche nach dem Luxus


Vor 20 Jahren eröffneten die Galeries Lafayettes und sollten der Friedrichstraße zu neuem Glanz verhelfen. Doch der Glanz bröckelt.

Von Annette Kuhn

Die Apfel-Rhabarberschorle kostet 4,50 Euro. Bestellt hat sie an diesem Mittag niemand. Wie auch – es sitzt gerade niemand im Café im Untergeschoss des Quartier 206. Überhaupt wirkt es hier ein wenig ausgestorben. Wenige Kunden sind hier unten, viele Ladenflächen stehen leer. Das ist erst auf den zweiten Blick zu sehen. Es gibt kein Schild "Zu Vermieten", sondern bunte Folie auf den Glasfronten mit der Aufschrift "Art + Fashion House", nur eben ohne Art und Fashion dahinter. Ein Stockwerk drüber ist schon mehr los. Zu Jazzmusik vom Band sitzen Menschen beim Kaffee. Die meisten mit Zeitung oder Tablet, ein Paar aus Spanien macht hier eine kurze Erholungspause vom Sightseeing.

Die beiden Touristen sind zum ersten Mal in Berlin. Die Friedrichstraße ist für sie ein Muss, stand ja auch im Reiseführer, als geschichtsträchtiger Ort und als neue Shoppingmeile. Und? "Ja, ist schön hier, aber ich habe mir das alles größer vorgestellt", sagt sie. Nicht nur sie.

Nach der Wiedervereinigung wurde die Friedrichstraße zur neuen Luxus-Einkaufsmeile auserkoren, Als Alternative zu Kudamm und Tauentzienstraße. Berlin verträgt durchaus zwei Zentren, hieß es damals und unter diesem Motto wurden Investoren nach Mitte geholt.

Das Projekt Luxusstandort kam nur schleppend in Gang

Dreieinhalb Kilometer ist die Friedrichstraße lang, vom Halleschen Tor bis zur Torstraße. Ein neues Gesicht – teuer und mondän – sollte sie zumindest vom Checkpoint Charlie nach Norden bekommen. Der Kreuzberger Teil blieb, wie er war. Ihn zur Luxusmeile umzukrempeln, wäre ohnehin zum Scheitern verurteilt gewesen.

Aber kreuzbergisch wirkt die Friedrichstraße auch noch mindestens bis zur Leipziger Straße. Bäckereien, Coffee-Shops, Fastfood und Autovermietungen dominieren das Bild bis heute. Auch dahinter kam das Projekt Luxusstandort in den 90er-Jahren nur schleppend in Gang. Der Durchbruch erfolgte erst vor genau 20 Jahren, als die Galeries Lafayette eröffneten, die kleine Schwester des berühmten Pariser Kaufhauses. Immerhin war es 1996 der erste ausländische Ableger. Das Savoir-vivre wurde beschworen, der neue Berliner Schick und ja, die exquisite Lebensmittelabteilung im Untergeschoss. Das ganze Wochenende über soll nun gefeiert werden, an diesem Freitag mit einer Shoppingnacht. "Le noveau chic" will die Kunden in den Glasbau locken.

Galeries Lafayette war das erste Alleinstellungsmerkmal

Als das Lafayette eröffneten, kamen vor allem Schaulustige, gekauft wurde nicht so viel wie erwartet. Auch an diesem Mittag gibt es keine Schlange an den Kassen. Ein paar Kunden schauen die Sonderangebote durch, zwei ältere Damen sind aus Reinickendorf gekommen, um für ihre Freundin zum 70. Geburtstag "etwas Hübsches" zu kaufen. "Wir fahren sonst eher ins KaDeWe, aber heute hatten wir mal Lust auf etwas Anderes", und mit der S-Bahn seien sie ja schnell da.

Mit dem Lafayette hatte die Friedrichstraße 1996 endlich ein Alleinstellungsmerkmal, das zweite folgte gleich im Jahr darauf: die Eröffnung des Kulturkaufhauses Dussmann, mit dem größten Angebot an Medien in der Stadt und Öffnungszeiten bis 22 Uhr, als das Ladenschlussgesetz noch galt. Da Dussmann aber viele Mitarbeiter zu leitenden Angestellten machte, die dann auch nach 20 Uhr arbeiten konnten, war diese Sonderregelung möglich. Heute hat das Medienkaufhaus sechs Tage in der Woche sogar bis Mitternacht geöffnet. Und ist auch jeden Tag bis Ladenschluss gut besucht.

Die Neubelebung des Berliner Westens macht Friedrichstraße zu schaffen

Zwischen Lafayette und Dussmann stand aber noch bis 2006 das Hotel Unter den Linden, ein letztes Relikt der DDR-Architektur, in dem bis zum Schluss Soljanka, Buletten und ein Fischstäbchen-Menü angeobten wurde. Eine Art Kontrapunkt zu Champagner und Schnecken im Lafayette. Die Friedrichstraße lebte lange mit ihren Widersprüchen, dennoch eröffnete ein Geschäft nach dem anderen. Teure Marken vor allem: Gucci, Karl Lagerfeld, Armani, Boss, Wempe, KPM, Escada, Bucherer. Anfangs gab es manche Labels nur hier, mit der Eröffnung der Mall of Berlin, dem Bikini-Haus und überhaupt der Neubelebung von Berlins Westen, trifft das heute kaum noch zu.

Dass die Friedrichstraße darunter zu leiden hat, lässt sich als Flaneur zunächst nicht erkennen. Direkt an der Straße gibt es keinen Leerstand. Erst wer in die Friedrichstadtpassagen geht, sieht ihn. Im Untergeschoss des Quartier 206 genauso wie im "The Q.", dem früheren Quartier 205. Namensänderungen sind ohnehin beliebt in der Friedrichstraße. Auch das Automobilforum Unter den Linden an der Ecke Friedrichstraße heißt jetzt "Drive", sein Restaurant "Zeitgeist". Es klingt wie ein Wunsch nach mehr Tempo.

Die Bezeichnung Prachtboulevard wirkt angesichts der Enge übertrieben

Dabei, und das ist das Schöne an der Friedrichstraße, ist Tempo hier gar nicht so wichtig, denn im Gegensatz zu Kudamm und Tauentzienstraße lässt sich die Friedrichstraße ohne Mühe zu Fuß abgehen. Die Geschäfte sind meist kleiner, die Straße ohnehin schmaler. Das Kompakte macht auch ihren Reiz aus, allerdings ist die Bebauung inzwischen so dicht, dass die Bezeichnung Prachtboulevard, die das offizielle Onlineportal der Stadt der Friedrichstraße verleiht, übertrieben erscheint. Und Bäume, die einen Boulevard normalerweise ausmachen, gibt es hier auch nicht.

Auch die jüngste Erhebung des Immobilienberatungsunternehmens John Lang LaSalle zu den meistbesuchten Einkaufsstraßen Deutschlands lässt die Friedrichstraße nicht gerade prachtvoll erscheinen. Die wichtigste Einkaufsstraße Deutschlands ist demnach die Münchner Kaufingerstraße. Die Tauentzienstraße landete zumindest auf Platz 17, der Kudamm auf Platz 20, die Friedrichstraße auf Platz 40.

Quelle: Berliner Morgenpost

#GaleriesLafayette #Friedrichstraße

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